Mit diesem Brief wollen wir dem Bundeskanzler die derzeitige Situation nahelegen.
Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen oder auch andere Briefe an die entsprechenden Verantwortlichen schicken würden, damit sich die Situation in den Einrichtungen endlich durch dringend notwendige politische Veränderungen normalisieren kann.

Arbeitskreis der Heim- und Pflegedienstleitungen
in Pforzheim und Enzkreis

Offener Brief an den Bundeskanzler, 
Herrn Gerhard Schröder
und an den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Herrn Erwin Teufel

 

Pforzheim, 07.05.2002

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Teufel,

es ist uns klar: die Liste der Klagen über Missstände in Alten- und Pflegeheimen ist lang: immer wieder liest und hört man von Verfehlungen und manchmal auch unmenschlichen Vorkommnissen in einzelnen Pflegeheimen. Uns ist auch klar, dass die Politik angesichts solcher Berichte nicht tatenlos bleiben darf. Und wir sind uns mit Ihnen einig:

Den schwarzen Schafen in unserer Branche muss das Handwerk gelegt werden!

Gleichzeitig muss aber Schluss damit sein, eine gesamte Branche ständig an den Pranger zu stellen. Das wäre so, als ob man allen Politikern wegen einzelner Skandale ständig nur Geldgier und Egoismus unterstellen würde - denken Sie bitte an die Parteispendenaffäre, an Übergangsgelder und Diäten-Diskussionen.

Damit nicht blinder Aktionismus das politische Handeln bestimmt, fühlen wir - Fachleute, die tagtäglich mit Entscheidungen in der praktischen Altenpflege-Arbeit konfrontiert sind - uns verpflichtet, Sie auf einige Aspekte hinzuweisen, die in der öffentlichen Diskussion unterzugehen drohen.

     I. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Und zwar total.

Die Anzahl der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen, die psychisch erkrankt sind, hat dramatisch zugenommen. In manchen Einrichtungen sind bis zu 70% gerontopsychiatrisch erkrankt. Diese alten Menschen bedürfen einfühlsamer, zeitintensiver Hilfe. Die Bestimmungen der Pflegeversicherung lassen diese Menschen im Regen stehen. Auch heute noch!

  • Das Pflegeheim ist heute - anders als früher - wirklich "die letzte Station". Wenn eine Versorgung zuhause nicht mehr möglich und ein Krankenhausaufenthalt nicht mehr sinnvoll ist, bleibt als letzter Ausweg oft nur das Pflegeheim. Dieser Aufgabe stellen wir uns.

Aber: Der Tatsache, dass in den Pflegeheimen fast nur noch hochaltrige, schwerkranke Menschen gepflegt werden, trägt die Politik bisher keine Rechnung. Warum bitte wird die Behandlungspflege (z.B. Injektionen, Anlegen von Verbänden etc.) nicht wie bei jedem anderen Versicherten von der Krankenkasse bezahlt, sondern ist stillschweigend Bestandteil unserer Leistungen - natürlich, ohne dass dies extra vergütet wird! Gerade auch, weil Krankenhäuser heute sehr frühzeitig wieder entlassen (eine sinnvolle Maßnahme!), müssen unsere Leistungen auf dem Gebiet der Behandlungspflege endlich auch unter vergütungsrelevanten Aspekten betrachtet werden.

Unsere Statistiken zeigen, dass die Verweildauer in den Heimen durch das hohe Eintrittsalter dramatisch gesunken ist. Die enorme psychische Belastung der MitarbeiterInnen durch die dauernde Konfrontation mit dem Tod sowie der hohe Beratungs- und Verwaltungsaufwand vor und bei einem Einzug wird als selbstverständlich hingenommen und nicht berücksichtigt.
 

     II. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pflegeheimen arbeiten mit dem
         an der Wand


Wir arbeiten in den Wohn- und Pflegebereichen unserer Einrichtungen heute - gemessen an den Zahlen vor Einführung der Pflegeversicherung - mit 10% bis 15% weniger Personal als früher. Statt zu einer - erhofften - Verbesserung der personellen Situation und damit zu einer qualitativ hochwertigeren Pflege hat dies vielerorts zu einer "Satt-und-sauber -Pflege" geführt, die mit der im damaligen Gesetzgebungsverfahren postulierten "Aktivierung" und "Ganzheitlichkeit" nicht mehr viel zu tun hat.

  • Der Arbeitsmarkt für qualifizierte Fachkräfte ist - zumindest in Stuttgart -leergefegt. Nach einer aktuellen Erhebung der Arbeitsgemeinschaft der Träger von Stuttgarter Pflegeheimen fehlen 100 ausgebildete Fachkräfte! Selbst die oben angesprochenen niedrigeren Personalkontingente sind deshalb oft nur unter größten Schwierigkeiten zu besetzen.
  • All dies führt dazu, dass engagierte MitarbeiterInnen frustriert und verbittert den Beruf verlassen. Die hohe Fluktuationsquote qualifizierter Kräfte ist ein enormes Problem - menschlich, aber auch finanziell.
  • Ohne das Engagement ehrenamtlicher MitarbeiterInnen wäre die Arbeit oft kaum noch zu leisten. Diesen vielen Frauen und Männern gebührt Dank und höchste Anerkennung! Aber: "Ehrenamtliche" sind nicht die Lösung des Problems! Ehrenamtlich Tätige müssen begleitet und angeleitet - und nicht verheizt werden! Wie diese Begleitung angesichts sinkender Personalkontingente geleistet werden soll, bleibt eine ungelöste Frage.
  • Die Ausbildung zur staatlich anerkannten Altenpflegerin ist immer noch nicht bundeseinheitlich geregelt. Und zumindest in Baden-Württemberg werden die Ausbildungskosten seit drei Jahren einseitig den BewohnerInnen vollstationärer Einrichtungen aufgebürdet, statt von allen getragen zu werden, die später die in unseren Einrichtungen ausgebildeten Fachkräfte beschäftigen (z.B. Sozial- und Diakoniestationen, private Pflegedienste, MDK's etc.).
     

     III. Es ist hohe Zeit, dass etwas geschieht

Ganzheitliche, menschliche Pflege lebt ganz wesentlich von zahlenmäßig ausreichenden, guten, qualifizierten Fachkräften. Wir benötigen daher dringend mehr MitarbeiterInnen! Zumindest übergangsweise muss daher wieder ein Personalschlüssel eingeführt und refinanziert werden, der die in Baden-Württemberg ehemals relativ hochwertige Pflegequalität wieder herstellt.

  • Wir benötigen dringend personelle und damit auch finanzielle Verbesserungen - und nicht zusätzliche Kontrollen und Misstrauen! Unsere MitarbeiterInnen - die allermeisten in hohem Maße engagiert und verantwortungsbewusst - verdienen endlich die ihnen zustehende gesellschaftliche Anerkennung. Wenn Aushilfen in Fast-Food-Restaurants im Freundeskreis mehr respektiert und anerkannt werden, als eine engagierte Altenpflegerin oder Krankenschwester, ist die Werteskala eindeutig in einer Schieflage.
  • Wir verstehen die unterschiedliche Zuständigkeit von Bund, Ländern, kommunalen Selbstverantwortungsorganen , Pflegekassen und Kontrollinstanzen. Wenn diese differenzierte Verantwortung allerdings zu einem Verschiebebahnhof der Zuständigkeiten wird, wenn einerseits (berechtigt!) Verbesserungen verlangt werden, deren Finanzierung andernorts verweigert wird, dürfen dies nicht die Einrichtungen, deren MitarbeiterInnen - und letztlich die alten Menschen ausbaden!
  • Wir scheuen keine Kontrollen und Prüfungen. Dafür sind unserer Meinung nach die Heimaufsichtsbehörden, die Gesundheitsämter oder auch Verbraucherschutzverbände zu qualifizieren - also neutrale Stellen, und nicht Dienstleister der Kranken- und Pflegekassen.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Teufel, wir sind in tiefer Sorge: zum einen um die Qualität der Pflege in unseren Einrichtungen und zum anderen um das Wohlergehen der bei uns beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir bitten Sie deshalb eindringlich, alles in Ihren Kräften stehende zu tun, damit Pflege endlich wieder menschen-würdig wird. Sollte sich die Politik "für" alte Menschen auch in Zukunft weitgehend darin erschöpfen, neue Kontrollmechanismen zu installieren und nicht endlich substantiell etwas an der Personal- und Finanzausstattung der stationären Einrichtungen geändert werden, befürchten wir

  • dass der Exodus guter und engagierter MitarbeiterInnen aus den Pflegeberufen weiterhin anhält
  • dass die Zahl der Auszubildenden für die Pflegeberufe weiter zurückgeht, und schließlich als wichtigster Punkt
  • dass die Qualität der Pflege sich einem Niveau nähert, das wir mit unserem Gewissen nicht mehr vereinbaren können.

Wir erlauben uns, diesen Brief auch den Bundestagsabgeordneten aus Baden-Württemberg, den Fraktionen im Landtag von Baden-Württemberg, dem Landesseniorenrat, der Gewerkschaft ver.di, der Fachpresse, der Tagespresse und den Nachrichtenagenturen zuzuleiten.

Mit freundlichen Grüßen
für die Arbeitsgemeinschaft der Heim- und Pflegedienstleitungen Pforzheim und Enzkreis

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